Gesunde und Kranke Menschen

 

Thomas Hobbes stellte den Staat als den großen Leviathan dar, - einen künstlichen Menschen, bei dem der Herrscher die Seele, die Beamten die Glieder , die Räte das Gedächtnis, Eintracht die Gesundheit und Aufstand eine Krankheit bedeutete.

 

 

 

 

Leviathan 

Thomas Hobbes

(1588 - 1679)    

Titelblatt des Leviathan

Definition von Gesund und Krank

Neben den viel zitierten Definitionen von Gesundheit und Krankheit habe ich diese vorgezogen:

"Ein Mensch befindet sich dann mit größerer Wahrscheinlichkeit – nie mit Sicherheit – in Teilbereichen seines Systems oder insgesamt im Bereich des Krank-Seins, wenn die Strategien, die ihm im Umgang mit Anforderungen und Problemen zur Verfügung stehen relativ wenige, relativ starre beziehungsweise relativ insuffiziente sind im Sinne einer für diesen Menschen möglichst befriedigenden Problemlösung."

Die Quantität und Qualität des Strategierepertoires ist der eine wesentliche Faktor für die Selbstorganisation der Systemqualität. Der zweite gegenpolige Beitrag ist das Ausmaß an Anforderungen, denen sich ein individueller Mensch gegenüber sieht.

 

Kurze Übersicht über die Geschichte der Krankheitsdefinition

Bis in das 17. Jhdt galt in Europa die Sicht von Aristoteles, dass Krankheit das Ergebnis eines Ungleichgewichtes durch Dominanz einer Qualität sei. Ab dann etablierte sich die „Nosographie“, welche die Bedeutung klinischen Beobachtens betonte, um verschiedene Krankheiten unterscheiden zu können.

Mit der Etablierung der Pathoanatomie kam es zu einem weiteren Wandel, da nun Symptome und Befunde mit pathoanatomischen Wissen verbunden werden konnten. Medizinisches Handeln orientierte sich nun am Organ und der organischen Ursache einer Krankheit. Dieses reduktionistische naturwissenschaftlich orientierte Krankheitsmodell fordert größtmögliche Gewissheit und Objektivität. Es stützt sich dabei auf „evidence based medicine“, pathoanatomische Kontrolle und technische Machbarkeit.

Die, 1947 von der „World Health Organization“ (WHO) der UNO erarbeitete Definition ist ein relativistisches Modell. Gesundheit wird als „Zustand völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen„ definiert. Damit wurde auch die Basis für ein bio-psycho-soziales Menschenbild gelegt.

1986 wurde diese Definition durch die Ottawa Charta der WHO ergänzt und erweitert. Darin wird vor allem die individuelle selbstregulative Dynamik der Veränderung von Gesundheit sowie die Wechselwirkung von biologischen mit Umweltaspekten betont. Weiteres wird besonders auf die Notwendigkeit persönlicher wie politischer gesundheitsfördernder Maßnahmen hingewiesen.

 

Gesundheit und Krankheit als dynamisches Geschehen

Dieser Krankheitsbegriff ist keineswegs neu, sondern er ist vielmehr der älteste und umfassendste Krankheitsbegriff, der die größte Rolle in der antiken Medizin schon bei Hippokrates gespielt hat. Denn dort wurde bereits Krankheit und Gesundheit als ein dynamisches Geschehen erkannt, das durch die Wechselwirkung des menschlichen Organismus mit seiner näheren und ferneren Umgebung bedingt ist. Nach dieser Ansicht spielt sich das Krankheitsgeschehens auf einer kontinuierlichen Skala ab, deren einer der äußersten Punkte das ist, was man "Gesundheit" nennt; während auf der anderen Seite die akute Erkrankung mit ihren manifest gewordenen Symptomen steht. Hippokrates selbst hat schon in unübertreffbarer Weise diesen Sachverhalt deutlich ausgedrückt, wenn er sagt: "Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, wenn man von Unfällen absieht, sondern entwickeln sich aus täglichen kleinen Sünden gegen die Natur. Wenn diese sich gehäuft haben, brechen sie scheinbar auf einmal hervor". So gesehen ist der dynamische Krankheitsbegriff der umfassendere, der den eher statisch aufgefassten Begriff der akuten Krankheit, bei der die entscheidenden Merkmale der Krankheit als Symptome manifest geworden sind, mit einschließt.

Das Gleiche gilt für den Gesundheitsbegriff, der logisch gesehen kein klassifikatorischer sondern vielmehr ein typologischer Begriff ist, der ein Mehr oder Minder aufweist. Vollständige Gesundheit als statischer Zustand, wie die umstrittene Definition der WHO "körperliches und seelisches Wohlbefinden" nahe zu legen scheint, kann es daher nicht geben. Gesundheit ist nicht ein Zustand der Abwesenheit von Krankheit, sondern die Gesundheit eines Menschen wird an der Fähigkeit gemessen, wie viel an Krankheiten er auf sich nehmen und überwinden oder zumindest ertragen kann. An die Stelle des alten von Hippokrates stammenden und noch heute vertretenen Modells der Harmonie, oder modern ausgedrückt der Homöostase, tritt ein Flexibilitätsmodell, das in der Krankheit eine Gelegenheit zur Schaffung neuer Ordnung sieht und damit die "zu Fuß latschende Gesundheit" (Th. Mann) der Gleichgewichtszustände ablöst.

 

Neue Ansätze aus Komplexitätsforschung, Chaostheorie und Theorie der Selbstorganisation

Dieser Ansatz ist ein relativistischer. Er betrachtet den Menschen als komplexes System, welches auf unterschiedlichen funktionellen Ebenen wiederum aus komplexen Systemen besteht (z.B. Körper, Organ, Zelle, Zellorganellen etc.) und von komplexen Systemen umgeben ist.

Die Entwicklung und Existenz dieser Systeme unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Gesundheit und Krankheit wird als qualitativer Zustand des menschlichen Systems gesehen, welcher sich laufend in einem Prozess der Selbstorganisation des Systems verändert. Die daraus abgeleitete Definition von Gesund und Krank sieht nicht nur den Patienten in seinen bio-psycho-sozialen Bereichen irgendwo zwischen den Polen von Gesund und Krank, sondern auch die ihn behandelnden Ärzte, Pflegepersonen etc.

 

Folgerungen für den diagnostischen und therapeutischen Prozess

Das bio-psycho-soziale Modell eines Menschenbildes wie auch die Ergebnisse der Komplexitätsforschung und der Theorie der Selbstorganisation erfordern im klinischen Alltag ein individuell abgestimmtes mehrdimensionales Vorgehen, welches gleichwertig sowohl die biologische, die psychische und die soziale Komplexität und Dynamik einer menschlichen Entwicklung berücksichtigt.

Komplexität und Dynamik eines menschlichen Systems kann nicht durch einen eindimensional ausgerichteten Vorgang erfasst werden, da dieser nur einen Teilaspekt der bio-psycho-sozialen Ganzheit erfassen kann. Um dies zu können, ist die Verwendung mehrerer gleichwertiger, theoretisch basierter diagnostischer Sichtweisen notwendig, um der gesammelten Information den entsprechenden Bedeutungsgehalt zu geben. In der Veranstaltung wird die tradierte schulmedizinische Sichtweise für den organischen Bereich verwendet, eine, an der Tiefenpsychologie orientierte für den psychischen Bereich und eine, an der Systemtheorie orientierte für den sozialen Bereich. Die Erstellung des therapeutischen Konzeptes macht ebenfalls die gleichwertige Integration des biologischen, psychischen und sozialen Bereiches notwendig.

 

Folgerungen für den organisatorischen Ablauf (Teamarbeit)

Mehrdimensionale Diagnostik und Therapie benötigt eine Organisationsstruktur, welche einerseits funktionelle Verantwortung klar macht, andererseits aber die vielfältigen fachlichen und persönlichen Ressourcen eines multiprofessionellen Teams möglichst optimal nützt, um der gestellten Aufgabe möglichst befriedigend zu entsprechen.

Eindimensionale Organisationsstrukturen können der Aufgabenstellung nicht gerecht werden!