OP - "Kunst" für Körper und Seele

 

"Liebe zur Schönheit ist Geschmack. Das Schaffen von Schönheit ist Kunst."

 

Ralph Waldo Emerson    

(1803 - 1882)   

 

 

Mit welchem Recht unterscheidet man eigentlich in der Medizin zwischen "kleinen" und "großen" Fächern? Die Plastische Chirurgie ist zwar ein "kleines" Fach, in der Geschichte der Medizin hat sie aber eine Vorreiterrolle gespielt - und tut das zum Teil auch heute noch.

Gesellschaftlich gesehen hat die Plastische Chirurgie keinen einfachen Stand. Man wirft ihr vor, dass sie sich zuviel mit "kosmetischem Luxus" beschäftige - obwohl zur Plastischen Chirurgie neben der "Ästhetischen" auch die Rekonstruktive Chirurgie, die Verbrennungschirurgie und die Handchirurgie gehören. Ein weiteres Problem mit dem die Plastische Chirurgie kämpft: Anders als in vielen Fächern konzentriert sich die Plastische Chirurgie nicht auf ein Organsystem, ein Geschlecht oder ein bestimmtes Alter, dadurch "konkurriert" sie mit vielen anderen Disziplinen.

Dabei stand die Plastische Chirurgie keineswegs immer im Schatten anderer Fächer. Im Gegenteil: In ihrer über zweitausendjährigen Geschichte spielte sie häufig eine Vorreiterrolle. Zusammen mit der Unfallchirurgie ist sie die älteste chirurgische Disziplin. Das liegt unter anderem daran, dass viele plastisch - chirurgische Eingriffe an der Körperoberfläche durchgeführt werden und deswegen ohne Narkosegase beherrschbar sind.

 

Nasenrekonstruktionen

Als Vater der Plastischen Chirurgie gilt der indische Arzt Sushruta. Er hat 800 v. Chr. als Erster erfolgreich eine Nase rekonstruiert. Für diesen Eingriff bestand damals eine enorme Nachfragen. im damaligen Indien war es eine übliche Strafmaßnahme, Teile des Gesichts, Ohren, Nasen oder Lippen abzuschneiden - zum Beispiel bei Diebstahl oder Ehebruch. Sushruta legte seinen Patienten ein Blatt als Schablone auf die Wange, umschnitt es in der Haut und schwenkte den entstandenen Lappen über den Nasendefekt, um ihn dort zu vernähen. Weil damit der Operierte zwar wieder eine präsentable Nase hatte, aber daneben eine schlimme Narbe blieb, wurde das Verfahren später verfeinert. Nachfolger von Sushruta holten sich den Schwenklappen von der Stirnhaut, durch die hier inkorporierte Arteria und Vena supratrochlearis wurde der Lappen gut ernährt. Damit war die axial gestielte Lappenplastik erfunden. (Bei anatomisch definierter Durchblutung spricht man von einem "axialen Lappen". Fehlen definierte Gefäße, spricht man von einem "randomisierten Lappen".) Den defekt an der Stirn überließen die Inder der Sekundärheilung. Dieses Uralte operative Verfahren wurde im 18. Jahrhundert von britischen Kolonialärzten entdeckt und nach Europa gebracht und wird als "Indische Nase" - wenngleich selten - bis heute eingesetzt. Laut ayurvedischen Schriften versuchten sich altindische Ärzte zudem an Cheiloplastiken und Otoplastiken (Lippen - und Ohrenrekonstruktionen).

 

Die Ägypter

Von den Leistungen ägyptischer Chirurgen Zeugen Mumien, denen nachweislich zu Lebzeiten abgetrennte Ohren wieder angenäht wurden. In einigen Papyri hat man Anleitungen für das behandeln von Brandwunden gefunden.

 

Hippokrates und Co.

Hippokrates von Kos reparierte gebrochene Nasen mithilfe spezieller Spatel. Celsus, ein prominenter römischer Arzt des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, beschreibt in seinem Werk, wie Lippen - und Gaumenspalten mit randomisierten Verschiebelappen verschlossen werden können. Sein Kollege Heliodorus versuchte sich an der Behandlung von Krampfadern und verkleinerte Lippen. "Hauptberuflich" kümmerte er sich jedoch um die Kastration von Sklaven, was damals keine ehrenrührige Beschäftigung war.

 

Mittelalter

Highlights im europäischen Mittelalter waren Paulus von Ägina, der einen Mann von einer Gynäkomastie befreit haben soll und der deutsche Ordensritter Heinrich von Pfalzpaint, der sich mit Rhinoplastiken beschäftigte. 

 

Frührenaissance

Erst in der Frührenaissance erfuhr die Plastische Chirurgie wieder neuen Auftrieb. Durch die vielen Kriege stand den Wundärzten ein immenses "Angebot" an verstümmelten Patienten zur Verfügung. Entsprechend groß waren die Fortschritte im Bereich der Amputations-, Naht- und Wundbehandlungstechniken. Ein herausragender Arzt jener Zeit war der Italiener Gaspare Tagliacozzi (1546 - 1599). Er gilt als Erfinder der "italienischen Methode" zur Nasenrekonstruktion, zusammen mit seinem Kollegen Antonio Branca war er der Erste, der Gewebedefekte im Gesicht mit gestielten Fernlappen vom Oberarm ersetzte. Damit die Lappen einheilen konnten verordnete er seinen Patienten eine Lederkonstruktion, die den Arm in einer dem Gesicht zugeneigten Zwangshandlung ruhigstellte. Das war nichts für empfindliche Gemüter. Zudem musste man mit Gelenkkontrakturen rechnen.

 

Mamma - Chirurgie

Zur gleichen Zeit (1561) wurde in Deutschland die erste Mammareduktion durchgeführt. Mit Schönheit hatte das allerdings wenig zu tun, die "Patientin" war die Magd Anna Möhlin, die wegen gigantischer Brüste nicht recht arbeiten konnte. Der Barbier Hans Schaller amputierte ihr deshalb den linken Drüsenkörper mit einer Zange von der Pectoralisfaszie. Die Wundfläche behandelte er mit einem glühenden Eisen. Gegen das Entfernen auch der rechten Brust hatte sich Anna Möhlin danach erfolgreich zur Wehr gesetzt. Gott sei dank wurde dieses Verfahren in der Folgezeit deutlich verfeinert.

Ab 1900 ging man dann erstmals auch den umgekehrten Weg: mit Fettlappen (beispielsweise vom Gesäß) versuchte man kleine Brüste zu vergrößern. Diese Eingriffe verliefen für die Frauen oft fatal, weil die Autotransplantate keinen Gefäßanschluss hatten, deshalb wurden sie nekrotisch und das Ergebnis waren hässliche Narben.

 

Lappenplastiken

Trotz dieser Probleme im Bereich der Mamma - Chirurgie machte die Plastische Chirurgie im 19. Jahrhundert insgesamt einen großen Sprung. Die Operateure verfügten nun über bessere anatomische und physiologische Kenntnisse. Mit Beginn der narkoseära wurden auch komplizierte Eingriffe möglich. Operateure wie Dieffenbach, Estlander, Abbé, Joseph oder Graefe entwickelten neue Verfahren wie V-, Z-, oder Y - Verschiebelappenplastiken, mit denen ausgedehnte Hautdefekte sicher rekonstruiert werden konnten. Zudem konnten an den entsetzlich verstümmelten Kriegsversehrten der Weltkriege viele neue Techniken "erprobt" werden. Dazu zählen auch so genannte "gestielte Wanderlappen", mit denen sich Gewebe auch über größere Entfernungen "transportieren" ließ (beispielsweise von der Brustregion ins Gesicht etc.).

 

Verbrennungsmedizin

Einen weiteren Durchbruch erzielte der Schweizer Jacques-Louis Reverdin mit seiner Entdeckung, dass auch freie Transplantate ohne Blutversorgung möglich sind, sofern man darauf achtet, dass die transplantierten Hautareale sehr dünn sind und nur knapp in die Dermis reichen. Damit war die Spalthaut erfunden, die in Form von "Mesh grafts" heute aus der Versorgung von Verbrennungsopfern nicht mehr wegzudenken ist.

 

Ab in die Zukunft - kleine Narben, große Ergebnisse

In den 1920er Jahren gelang es Ästhetischen Chirurgen erstmals per Gesicht- und Halsstraffungen Männer und Frauen von hängenden Hautpartien im Gesicht zu befreien. Damals wurden die Gewebe allerdings häufig nur subkutan gestrafft. Heute wird tiefer präpariert, wodurch das Ergebnis länger hält. Eine aktuelle Entwicklung in diesem Bereich sind Fäden mit Widerhakenbesatz, die ohne OP mit Kanülen und Spezialnadeln eingebracht werden. Damit kann man erschlaffte Gesichtskonturen und sogar Oberarme und Oberschenkel wieder in Form bringen, ohne dass man ein Skalpell in die Hand nehmen muss.

Ein weiterer Durchbruch gelang in den 1960er Jahren. Damals kam man auf das Material, das Brustvergrößerungen zu einem kalkulierbaren Risiko machte: Silikon.

 

Mikrochirurgie

Die Geburtsstunde der modernen Plastischen Chirurgie schlug mit der Entwicklung leistungsstarker Mikroskope in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Deren Einführung in die OP - Säle öffnete den Weg zur Mikrochirurgie. Diese minimal invasiven Techniken funktionieren nach dem Motto: Narben klein - Ergebnisse groß. Seit den 1970er Jahren können mit Hilfe feinster Fäden Gefäße von weniger als 1 mm Durchmesser anastomosiert werden. Die Verpflanzung freier Lappen, die früher oft zu Nekrosen führte, ist seither für dien guten Chirurgen Routine. Auch Replantationen von Fingern oder auch größeren Gliedmassen sind kein Problem mehr.

 

Die Entwicklung geht noch weiter

Weltweit Schlagzeilen machte der Fall der Französin Isabelle Dinoiren. 2005 wagte ein Ärzteteam aus Amiens und Lyon den bisher einzigartigen Eingriff: es transplantierte der jungen Frau Teile des Gesichts einer hirntoten Frau. Der Französin hatte ihr Labrador - Mischling im Mai 2005 das Gesicht mit Nase und Mund abgebissen. Am 26. November 2005 transplantierten ihr Ärzte in einer vierstündigen OP das Gesicht einer Hirntoten. Heute kann sie, trotz Problemen mit Abstoßungsreaktionen, wieder lächeln und findet sich eigenen Angaben nach "schöner als vorher".

Möglichkeiten der Handchirurgie: In den letzten Jahren hat man beim Verlust von einer Hand oder beider Hände weltweit über zehn Leichenhände transplantiert. Diese Rekonstruktion mit intaktem Gewebe von toten Spendern ist ideal, kann man doch die ganze Hand und nicht nur einzelne Finger ersetzen. Leider bleibt die Handtransplantation zur Zeit erst wenigen Patienten in Spezialzentren vorbehalten, da bei nicht lebensrettenden Organtransplantationen wie der Hand die Unterdrückung des Immunsystems mit vielen, nebenwirkungsreichen Medikamenten ebenfalls noch nicht gelöst ist.

Neueste Trends in der Plastischen Chirurgie beschäftigen sich mit "Tissue Engineering". Im Labor wird aus Stammzellen Ersatzgewebe gezüchtet. So kann man bei Vitiligo ((Leucopathia acquisita oder auch Weißfleckenkrankheit) heute patienteneigene Melanozyten in vitro vermehren und in vivo wieder zum Anwachsen bringen. Forscher arbeiten daran, dies auch mit Fettzellen zu erreichen. Wenn das sicher gelingt, wäre das Silikon als "Füllmaterial" schon wieder von Gestern. Selbst das ist nicht das Ende aller Möglichkeiten. Es gibt erste Ergebnisse, die hoffen lassen, dass man irgendwann sogar komplexe Gebilde wie Nasen oder Ohren in vitro züchten kann um somit Menschen mit Entstellungen wieder ein Gesicht wie jedes andere auch zu ermöglichen.

 

Die Beispiele von Isabelle Dinoire, der moderne Handchirurgie sowie "Tissue Engineering" zeigen nur kleine Auszüge von dem, was Rekonstruktive Chirurgie heutzutage leisten kann. Viele Pioniere der Plastischen Chirurgie mussten gegen Vorbehalte ankämpfen. Ähnlich ist es auch heute noch, manche Menschen lehnen die Plastische Chirurgie ab, weil sie ihre Leistungen für "widernatürlich" halten; dabei vergessen sie aber, dass Ärzte - egal welchen Fachgebiets - darum kämpfen, Menschen von Leiden zu befreien!

 

Mehr zur plastisch-chirurgischen Tätigkeit finden Sie auf der interessanten Webseite von OA Dr. Georg Huemer: www.drhuemer.com - Wissen schafft Schönheit