Das "unglaubliche" Potential, das im Arztberuf steckt

 

Tierärzte haben es leichter; die werden wenigstens nicht durch Äußerungen ihrer Patienten irregeführt."

 

 

 

Louis Pasteur

(1822 - 1895)

 

Ärzte bzw. Ärztinnen geloben, ihr Leben in den Dienst der ärztlichen Ethik und der Menschlichkeit zu stellen. Ihr Ziel ist es, Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen oder wiederherzustellen und Leiden zu lindern. Sie untersuchen, behandeln und beraten Patienten medizinisch.

 

Die Behandlungspflicht des Arztes ist zudem juristisch im Wesentlichen durch zwei Gesetzesstellen klar beschrieben:

§ 22 ÄrzteG: Ziel der ärztlichen Tätigkeit ist das Wohl der Kranken

     "Abs. (1) Der Arzt ist verpflichtet, jeden von ihm in ärztlicher Beratung oder Behandlung übernommenen Gesunden oder Kranken ohne Unterschied der Person gewissenhaft zu betreuen. Er hat hierbei nach Maßgabe ärztlicher Wissenschaft und Erfahrung sowie unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften das Wohl der Kranken und den Schutz der Gesunden zu wahren."

 

§ 110 StGB: Zur Heilbehandlung bedarf es der Zustimmung des Patienten

     "Abs. (1) Wer einen anderen ohne dessen Einwilligung, wenn auch nach den Regeln der medizinischen Wissenschaft, behandelt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit einer Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen." (mehr dazu: Zivilrecht)

 

 

 

 

 

 

 

Jan Steen - " Die Kranke "    

 

Die Funktion des Arztes bzw. des Heilers ist eine der ältesten der Menschheit. Geschichtlich gesehen entstand der Arztberuf aus dem Stand der Heilkundigen, die schon bei den Priestern des Altertums zu finden sind. Aus deren Erfahrungsheilkunde ging - über viele Stufen hinweg - letztlich die heute angestrebte wissenschaftliche Medizin (EbM) hervor. Die Berufssoziologie lehrt, dass ein Berufsstand wie der der Ärzte unter solchen Umständen eine eigene Standesmoral entwickelt, deren bekannteste Form der Eid des Hippokrates ist. Wichtige Voraussetzungen eines Berufstandes, nämlich eine Ausbildung und eine Berufsordnung lassen sich für die Medizin schon in vorchristlicher Zeit nachweisen. Bereits vor fünf Jahrtausenden finden sich älteste Formen einer heilerischen Ausbildung. Ärztliche Siegel bezeugen, dass es im Sumerer-Reich bereits um 3000 vor Christus Ärzte als eigenen Berufsstand gegeben hat. Im ältesten erhaltenen Gesetzbuch, dem Codex des Königs Hammurapi von Babylon (1728-1686 v. Chr.) finden sich auch Bestimmungen über die Bezahlung ärztlicher Tätigkeit und über Strafen für eine schlechte Praxisausübung.

Zitat: "Wenn der Arzt einen Herren behandelt und einen Abszess mit dem Messer öffnet und das Auge des Patienten erhält, so soll er 10 Shekel Silber erhalten. Ist der Patient ein Sklave, so soll sein Herr zwei Shekel Silber bezahlen. Wenn der Arzt einen Abszess mit einem stumpfen Messer öffnet und den Patienten töten oder sein Augenlicht zerstören sollte, so soll seine Hand abgeschnitten werden".

Wie dieses Zitat deutlich macht, gab es also schon vor 3000 Jahren in einer der frühen Hochkulturen eine ärztliche Gebührenverordnung und offenbar auch schon Vorläufer von Kassenpatienten (= die Sklaven) und Privatpatienten (= die Herren), bei denen für die gleiche ärztliche Leistung unterschiedliche Honorarsätze zur Anwendung kamen. Ich möchte aber an dieser Stelle nicht die historische Entwicklung der Medizin von den frühen Hochkulturen, über die griechischen Ärzte und die Heilerinnen und Heiler des Mittelalters bis heute skizzieren - so reizvoll dies auch wäre, sondern möchte kurz anführen, wie der "ideale" Arzt von morgen beschaffen sein sollte: Auf einem Symposium zum Thema Eignungsdiagnostik und Medizinstudium, zeichnete der Physiologe Fritz Baumann vom Centre Medical Universitaire der Universität Genf folgendes Bild:

Danach sind wirklich kompetente Ärzte in der Lage, den Prozess des medizinischen Problemlösens zu meistern; sie verfügen über ein breites Wissen und über vielfältige Fertigkeiten; sie sind gründlich wissenschaftlich ausgebildet; sie sind flexibel; sie kennen ihre persönlichen Grenzen; sie sind willens und in der Lage, sich lebenslang fortzubilden und sich weiter zu entwickeln. Schließlich verfügen sie über die richtige Einstellung; damit meint Baumann solche Aspekte, die man in psychologischer Terminologie auch als Empathie und als Rollendistanz bezeichnen könnte.

Dieses differenzierte Anforderungsprofil deckt sich übrigens in mancherlei Hinsicht mit jener Auffassung, die der Naturforscher und Arzt Philippus Aureolus Theophrast Bombastus von Hohenheim - er wurde unter seinem latinisierten Namen Paracelsus als Reformator der Medizin bekannt - bereits vor 500 Jahren vertreten hatte. Er ging dabei von einem Glauben an die "wunderbare Selbsthilfe der Natur" aus. Dabei habe der Arzt "die heilige Sendung, das von Gott verliehene Amt zu fördern, er habe dort einzugreifen und anzufangen, wo die vis vitalis, die Lebenskraft, erlahme. Der tiefste Sinn des ärztlichen Helfers sei die Liebe ... Liebe ist es, welche die Kunst lehret, und außerhalb derselben wird kein Arzt geboren."

 

Zwei Aspekte, die sich in beiden Arztbildern finden, scheinen mir besonders bemerkenswert und deshalb an dieser Stelle erwähnenswert zu sein:

Einmal erstaunt, dass sich die "humanistisch-ganzheitliche" Auffassung von Paracelsus auch im Berufsbild von Baumann findet. Die von Paracelsus geforderten Aspekte der Mitmenschlichkeit, der „Mitleidensfähigkeit", der Brüderlichkeit finden sich ja zu einem gewissen Teil auch in den von Baumann benannten ärztlichen Kompetenzen oder lassen sich zumindest in diese übersetzen.

Zum anderen erstaunt das Ausmaß solcher Kompetenzen, die außerhalb und zusätzlich zu den spezifischen medizinischen Wissensbeständen und Fertigkeiten im engen Sinn gefordert werden: also Kompetenzen wie die Fähigkeit zum angemessenen Selbstmanagement, die Bereitschaft und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen und zur Flexibilität, aber auch soziale Fähigkeiten und Haltungen wie Mitmenschlichkeit, Empathie oder Kooperationsfähigkeit.

"Der Arzt der alten Zeit übte seinen Beruf wie begreiflich nach dem Wissen seiner Zeit: ... Die Medizin war subjektiv, und so wirkte der Arzt mehr durch sich selbst als durch seine Wissenschaft ... Der alte Arzt kam seinen Kranken näher; um die Ursache zu erforschen musste er Psychologe sein, und Menschen und Verhältnisse beurteilen, um mit Rücksicht darauf den Heilplan zu entwerfen ... Seine Aufgabe war vielleicht schwieriger als jetzt, - er hatte es nicht mit dem Objekt einer Krankheit, sondern mehr mit der Person des Kranken zu tun ... Jetzt ist es anders. Die Medizin ist tatsächlich objektiv geworden. Es ist gleichgültig, wer am Bett steht, aber er muss verstehen, zu untersuchen, zu erkennen. Er tritt an ein Objekt, welches er ausforscht, ausklopft, aushorcht, ausspäht, und die rechts und links liegenden Familienverhältnisse ändern daran gar nichts: der Kranke wird Gegenstand" (Volz, 1886).

Eine solche Auffassung hat zwar die Professionalisierung der Medizin zunächst einmal nachhaltig gefördert und zu teilweise spektakulären Erfolgen geführt. Inzwischen sind jedoch Veränderungen eingetreten, die dieses Paradigma transzendieren.

 

Ich will dazu einige Beispiele geben:

     - Viele Menschen erreichen ein höheres Lebensalter als je zuvor.

     - 70% der heutigen Patienten weisen chronische Krankheitsbilder auf, die durch einfache somatische Kausalstrukturen keineswegs angemessen erklärt werden können. In beiden Fällen ist der Arzt auch in seiner Rolle als bio-psycho-sozialer Berater gefragt.

     - Immer mehr Krankheitsbilder weisen heute umweltbezogene oder verhaltensbezogene Aspekte auf. Am Beispiel einer Allergie zeigt sich das komplexe Zusammenspiel verschiedener Ursachenfaktoren interner und externer Art in seinem prozesshaften Verlauf. Zum Verständnis solcher Krankheitsbilder sind multikonditionale, multifaktorielle und ökosystemische Krankheitsmodelle angezeigt.

 

Im Gefolge der technologischen Entwicklung der Medizin stellen sich neue Herausforderungen an die medizinische Ethik! Was sind Kriterien für Tod, was heißt menschenwürdiges Sterben - um nur zwei wichtige Aspekte zu nennen. Der Arzt von heute - und erst recht der Arzt von morgen - hat sich mit diesen Problemen auf verschiedenen Ebenen, auf der technischen, auf der moralischen, aber auch auf der juristischen Ebene auseinander zu setzen! Für ein derart verantwortungsbewusstes ärztliches Handeln sind ebenfalls neue spezifische Wissensbestände und ein entsprechendes Bewusstsein nötig. Das Arztbild von heute wie von morgen muss sich an diesen veränderten Realitäten orientieren. Dazu ist eine ganzheitliche Theorie der Medizin gefordert. Erst dann lässt sich das künftige Arztbild und damit die erforderlichen Kompetenzen der Ärztinnen und Ärzte von morgen umfassend und differenziert bestimmen. Ich möchte an dieser Stelle OA Dr. Meinrad Reischl - seineszeichen Unfallchirurg im UKH Linz - zitieren, der ein interessantes und wie ich finde diskussionswürdiges und sehr tiefsinniges Kommentar zum Arzt von heute gegeben hat: "Tatsächlich glaube ich, dass wir Mediziner sehr sehr viel an Heilkraft verloren haben, dadurch dass wir uns diesen Nimbus des "Gottes in Weiß" nehmen haben lassen. Diese reine Technisierung und diese Reproduzierbarkeit der Medizin hat den Wunderheilern, den Heilpraktikern und Schamanen Tür und Tor geöffnet, weil die noch mit einer gewissen Spiritualität - die ja Heilkraft besitzt - hantieren und wir sie abgelegt haben!"

Ich möchte hier ganz klar anmerken, dass ich persönlich ebenfalls jegliche Scharlatanerie und Quacksalberei zutiefst ablehne! Nicht zu verwechseln mit Wunderheilerei bzw. anderen nicht seriösen "alternativen Heilmethoden" sind jedoch die komplementärmedizinischen Methoden die, zusätzlich zur Medizin, ernst zu nehmen und von großem Wert sein können! Hierzu möchte ich den von mir hochgeschätzten Ao.Univ.Prof.Dr. Christian Reiter, ehemaliger Vizepräsident des österreichischen Dachverbandes der Ärzte für Ganzheitsmedizin, zitieren: „70 Prozent aller ÖsterreicherInnen nehmen heute komplementärmedizinische Methoden in Anspruch. Uns ist es lieber, wenn dies in einer adäquaten Umgebung und mit entsprechender Vorbildung der Behandler geschieht, als durch eine nicht seriöse Medizin. Nicht aus standespolitischen oder finanziellen Motiven, sondern weil wir überzeugt davon sind, dass eine fundierte schulmedizinische Ausbildung die Grundvoraussetzung für die Anwendung komplementärmedizinischer Methoden darstellt. Die Komplementärmedizin muss eine ärztliche Angelegenheit bleiben.“

Die Anziehungskraft der Komplementärmedizin besteht vor allem in einer individualisierten, nebenwirkungsarmen Therapie, einer guten klinischen Effizienz bei sog. «austherapierten», «schwierigen» oder «unklaren» PatientInnen; zudem werden seelische und geistige Aspekte von ihr systematischer berücksichtigt; die Selbstheilungskräfte und das sogenannte Empowerment der Patientinnen und Patienten sind ein zentrales Anliegen. All dies kann in seriöser Art und Weise jedoch ausschließlich unter der Voraussetzung fundierter schulmedizinischer Ausbildung des Behandlers ermöglicht werden!!